Die eiserne Lady mit den sanften Seiten

Interview: Sabine Schmidt für das Buchjournal

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Sie ist US-Amerikanerin, schreibt aber sehr erfolgreich sehr britische Krimis. Ein Besuch bei Elizabeth George zu Hause auf Whidbey Island – mit Seeadlern und Dackel Lucy.

Elizabeth George
© Michael Stadler

Sie lebt fast am Ende der Welt: in der Nähe des 900-Seelen-Orts Langley auf Whidbey Island. Ihr Haus liegt unsichtbar hinter einem parkähnlichen Garten mit riesigen Bäumen. Aber schon die Inschrift auf dem Tor verrät, dass Elizabeth George und ihr Mann sich einen Traum erfüllt haben: "Isola bella" heißt es hier – die schöne Insel. Der Weg zum Haus führt durch eine geheimnisvolle Wildnis, nur wenig Sonnenlicht dringt durch die Baumkronen bis nach unten zu den Farnen. Erst nach einer Weile taucht dann das Anwesen hinter dem verwunschenen Wald auf. Die Autorin öffnet die Tür. "Hi, ich bin Elizabeth", sagt die 63-Jährige mit der typisch amerikanischen Lockerheit. Sie wird oft die "Queen of Crime" genannt, gibt aber nicht die Königin.

Elizabeth George lädt auf die Terrasse hinter dem Haus ein, die von einem saftig grünen Rasen umgeben ist. Hier ist alles klar, offen und hell, und man hat einen fantastischen Blick über das Wasser auf die nächste Insel. Andere Häuser sind nicht zu sehen, Menschen ebenfalls nicht. Manchmal tauchen dort unten an der Steilküste aber Orkas auf, die Killerwale, die hier in den geschützten Buchten ihre Jungen zur Welt bringen. "Wir hatten dieses Glück leider erst einmal", sagt Elizabeth George. "Mein Mann hörte Wale ganz dicht am Strand schnaufen und holte mich gleich in den Garten."

Sie liebt die Natur mit den Walen, den Robben und den vielen Vögeln. Und die Einsamkeit hier gibt ihr die Möglichkeit, sich ihrer großen Leidenschaft nahezu uneingeschränkt zu widmen: der Literatur. Schon als Kind hat sie Bücher verschlungen und selbst Geschichten geschrieben. Und auch ihre Berufswahl hatte viel mit dieser Leidenschaft zu tun: Sie wurde Englischlehrerin.

Anfang der 1980er Jahre wollte sie dann einfach mal ausprobieren, ob es mit einem Krimi klappen könnte. Ihr erster Versuch blieb eine Fingerübung und wurde nie veröffentlicht. 1984 folgte ein zweites Manuskript, das erst einige Jahre später in überarbeiteter Form erschien, und dann 1988 "Gott schütze dieses Haus", der erste Krimi von Elizabeth George, der veröffentlicht wurde.

In ihm ermitteln schon die beiden Hauptfiguren, die sie bald berühmt machen sollten: Thomas Lynley, Inspector bei New Scotland Yard in London, vor allem aber steinreicher Lord und Spross einer uralten englischen Familie, smart und gut aussehend; und Lynleys Mitarbeiterin Sergeant Barbara Havers. Sie stammt aus der britischen Arbeiterklasse, kleidet sich schlampig, schneidet sich unter der Dusche mit einer Nagelschere die Haare, raucht wie ein Schlot – und ist eine sehr kluge, schlagfertige Ermittlerin.

Reale Vorbilder gibt es für diese Figuren nicht. Aber wie viel von der Autorin ist in ihren Helden? "Wir sind uns gar nicht ähnlich", sagt sie – außer in den Einstellungen, Meinungen, in der Ironie: Das alles hat sie ausgerechnet mit der ungepflegten Havers gemeinsam. Und sie wäre gern so schlagfertig wie sie. "Das gelingt mir aber nur am Computer – wenn ich viel Zeit habe, mir eine Antwort auszudenken."

Elizabeth George ist auch, anders als ihre Helden, keine Britin. Sie ist US-Amerikanerin und hat ihr ganzes Leben im Westen ihrer Heimat gelebt. Die meiste Zeit in Süd-Kalifornien – und es hat ihr nicht gefallen: Das Wetter ist einfach zu schön. In den 1990ern zog sie dann in den Nordwesten nach Seattle, wo es ausgeprägte Wetterlagen gibt, dramatische Wolkenbilder, viel Regen und im Winter Schnee. Und vor ein paar Jahren ging es noch zwei Autostunden weiter nördlich nach Whidbey Island.

Das Wetter hier hat englische Züge – und von England ist Elizabeth George fasziniert. 1966 reiste sie zum ersten Mal dorthin und blieb ein paar Wochen für einen Studienaufenthalt. "In den 60ern kam die angesagte Popkultur aus England", sagt sie. "Das fand ich spannender als Elvis Presley und Marilyn Monroe." Aber vor allem eroberte sie sich Großbritannien über die Literatur, nicht zuletzt über Shakespeare und Jane Austen.

Wegen ihrer Leidenschaft für England war es für sie immer klar, dass ihre Krimis auch dort spielen würden. Und tatsächlich schreibt die Amerikanerin sehr britische Bücher. Sie spielen in London, wo sie in South-Kensington 13 Jahre lang eine Wohnung hatte, in Cornwall, in Kent oder, wie ihr neuer, ihr 17. Krimi "Glaube der Lüge", in Cumbria, dem Seengebiet südlich von Schottland.

In dieser neuen Geschichte muss Inspector Lynley undercover einen Todesfall untersuchen, der offiziell als Bootsunfall zu den Akten gelegt wurde. Dabei kommt er den Geheimnissen einer reichen Familie auf die Spur. Währenddessen ermittelt Havers im Hintergrund und wird von einer Vorgesetzten zu einem professionellen Haarschnitt und mehr Modebewusstsein verdonnert – was sie aber, erwartungsgemäß, nicht lange umtreibt. Und dann verschwindet die Tochter von Havers pakistanischem Nachbarn Azhar.

Während der Fall in Cumbria gelöst wird, bleiben die Fäden dieser Geschichte lose. "Über Azhar wird man im nächsten Band viel erfahren", sagt Elizabeth George – und lächelt verschmitzt. Natürlich weiß sie, dass ihre Fans wissen wollen, was mit dieser sympathischen Figur und seiner Tochter passiert. Aber heute verrät sie noch nichts.

Jeder ihrer Krimis klärt das Verbrechen auf, um das es geht. Die Geschichten der Romanfiguren, wie jetzt die Geschichte um Azhar und seinen komplizierten Familienhintergrund, spinnt Elizabeth George aber von Band zu Band fort. Mit ihren komplexen Erzählgeflechten will sie sich von Krimis absetzen, in denen es nur um ein Rätsel geht, um ein mehr oder weniger blutiges Verbrechen und dessen Auflösung.

"Ich will Bücher schreiben, die den Leser berühren und so schnell nicht wieder loslassen", sagt sie. Mit Themen, die ihr wichtig sind, und mit Charakteren, die so viel Entwicklungspotential haben, dass sie es auch nach mehr als 20 Jahren noch spannend findet, sich mit ihnen zu befassen. Die Verfilmungen der BBC gefallen ihr dann auch nicht so ganz: weil sie ihre Krimis auf den jeweiligen Fall reduzieren.

Ihre gedruckten, komplexen Geschichten bieten aber tatsächlich mehr als die Auflösung von Rätseln. Und sie überzeugen durch das Einfühlungsvermögen, mit dem die Autorin ihre Figuren begleitet. Wenn man aber Elizabeth George über ihre Bücher reden hört, wundert man sich: Sie ist kühl und distanziert. Es geht um Struktur und Spannungsaufbau – davon, dass sie auch nur ein bisschen mitfühlt, ist nichts zu merken.

Zum Beispiel wenn es um Lady Helen geht, die exzentrische und warmherzige Frau, die Lynley nach vielen Jahren und mehreren Bänden endlich geheiratet hatte. Sie wurde in einem der letzten Krimis erschossen, und mit ihr starb das Kind, mit dem sie schwanger war. Warum musste das passieren? "Es gibt in einem Buch nichts Langweiligeres als ein Baby", antwortet Elizabeth George. "Es nimmt Nahrung auf, macht in die Windeln, muss versorgt werden – das ist alles." Und dann kommt ein Satz, der einem den Atem stocken lässt: "Damit es wieder spannend wird, bräuchte man schon eine Entführung oder einen Hirntumor."

Doch ganz so kühl, wie sie klingt, ist Elizabeth George eben nicht. Auch das scheint auf bei Helens Ermordung. An ihr war ein zwölfjähriger Junge beteiligt: Joel, ein farbiges Kind aus einer kaputten Londoner Familie. Er will eigentlich nur seine Geschwister vor Gangs und üblen Typen schützen, gerät dabei aber in eine schlimme Geschichte, und dann ist Helen tot, erschossen, einfach so – "wie das tatsächlich ziemlich oft in London passiert", sagt Elizabeth George.

Über Joel hat sie einen eigenen Band geschrieben ("Am Ende war die Tat"). Es ist ein dunkles Buch, das von verwahrlosten Kindern erzählt, von Armut, Drogen und Prostitution und das Joel ebenso als Täter wie als Opfer zeigt. Eine Geschichte, die sehr nahe, die unter die Haut geht.

Elizabeth George hat diese zwei Seiten. Eisern und kühl ist sie, wenn es um Struktur und Technik geht und um ihren Tagesablauf. Sie steht jeden Morgen um halb fünf auf, macht eine halbe Stunde Fitness auf ihren Geräten, schreibt dann strukturiert und organisiert, lernt Italienisch und beendet ihren Arbeitstag gegen zwölf mit einer weiteren halben Stunde Fitness. Einfühlsam ist sie dagegen, wenn sie schreibt und ihren Figuren Leben gibt.

Und sie ist sehr offen für Natureindrücke. Ganz besonders lässt sie sich von den beiden Seeadlern begeistern, die in einer der hohen Tannen am Rand ihres Grundstücks nisten. Sie weist immer wieder darauf hin, wie majestätisch sie ihre Kreise am Himmel ziehen. Und richtig weich wird sie, wenn es um ihre beiden Dackel geht.

Vor allem die kleine Hündin sieht sie in Gefahr, als die Adler jagen, und so holt sie Lucy auf ihren Schoß und erklärt ihr, warum sie dort bleiben muss: damit ihr nur ja nichts passiert. Lucy hört geduldig zu, schleckt ihrem Frauchen das Gesicht, was die sich gern gefallen lässt – und jetzt ist nichts mehr von der eisernen Lady zu merken.

Während Elizabeth George mit Lucy schmust, redet sie über ihre neue Jugendbuchserie. Der erste Band ("Whisper Island") ist in deutscher Übersetzung schon zu lesen, in den USA erscheint er aber erst jetzt, fast ein Jahr später in der nun endgültigen Fassung. Elizabeth George hatte geglaubt, dass ihr die Jugendbücher leicht von der Hand gehen würden. Aber das Gegenteil war der Fall: "Den ersten Band habe ich fünfmal überarbeiten müssen." Es ist selbst für eine so erfahrene Autorin wie sie etwas ganz anderes, für Teenager statt für Erwachsene zu schreiben.

Warum aber tut sie sich das an? Fast jedes Jahr ein Krimi mit 700 Seiten sollte doch reichen. Sie hatte Lust auf Jugendbücher, sagt sie – und sie mag Herausforderungen. Vor allem aber wollte sie unbedingt etwas für Langley tun. Es gibt in ihrem Inselort zwar ein paar Veranstaltungen im Jahr, die Touristen anziehen, aber das reicht nicht: Für die meisten Menschen hier ist es sehr schwierig, ein Auskommen zu finden. Um ihnen zu helfen, wollte Elizabeth George eine Jugendbuchserie schreiben, die auf Whidbey Island spielt. Sie selbst hat über die Literatur nach England gefunden, und sie hofft nun, dass der eine oder andere wegen ihrer Bücher hierher kommt.

Mit der Bitte, von ihrer schönen Insel auch in Deutschland zu erzählen, verabschiedet sich Elizabeth George von ihrem Gast. Sie wird sich jetzt, am späten Nachmittag, noch ihrem Garten widmen: ein bisschen Unkrautjäten zur Entspannung – Ordnung muss schließlich sein.

Auch wenn sie sich jetzt selbst ein bisschen lustig macht über ihre Ordnungsliebe – sie braucht in ihrem Alltag und in ihrem Schreiben klare Strukturen. Und während sie weiter daran arbeitet, die Wildnis zwischen den Bäumen zu einer gepflegten Wildnis zu machen, kehrt ihr Gast durch den verwunschenen Wald nach Langley zurück, in den kleinen Ort fast am Ende der Welt, dem die berühmte Autorin so zugetan ist.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung
© Sabine Schmidt, Buchjournal